Krieg auf Deutschlands Straßen
Aus gegebenem Anlass und weil es mir schon seit Jahren auf die Pulsadern drückt, folgt eine Meinung zur gegenwärtigen Verkehrspolitik.
Seit ein paar Wochen, grassieren in den Medien vornehmend Themen, die eine Herabsenkung der Alkoholpromillegrenze für Fahrradfahrer beinhaltet, sowie eine Forderung zur Fahrradhelmpflicht. Dem vorangesetzt werden die verstärkt zunehmenden Unfälle die für Radfahrer tödlich oder schwer verletzt verlaufen.
Auch mir ist ein Anstieg von Fahrradunfällen in Köln aufgefallen. Ich pendele nicht nur jeden Tag zur Arbeit und wieder zurück, sondern fahre auch gerne in meiner Freizeit durch Köln und Umgebung. Auf den zwei wichtigen Verkehrsadern für Fahrradfahrer auf der Linksrheinischen Seite von Köln, bin ich also täglich unterwegs, da sie meinen Arbeitsweg bilden.
Gerade an der Kreuzung von der Aachener Straße, Ecke Universitätsstraße, finden neben schweren Autounfällen auch schwere Verkehrsunfälle mit Radfahrern statt.
Doch mir stellt sich die große Frage ob ein Helm oder eine Alkoholpromillegrenze dem Einhalt gebieten kann.
Vielleicht denkt der ein oder andere Leser nun: „Was schreibt denn der da für einen „Stuss“?!“, aber wie viele Pendler haben bereits morgens früh auf dem Weg zur Arbeit 1,6 Promille und mehr Intus?!
Zum anderen sollte ich von einem Lastwagen oder einem Auto erwischt werden und durch die Luft gewirbelt werden, inwiefern schützt mich da noch ein Helm?!
Bei dem aktuellen Beispiel in dem eine Fahrradfahrerin von einer sich öffnenden Autotür überrascht und erwischt worden war und ihre Klage auf alle aus dem Unfall entstehenden Schäden abgewiesen wurde, da sie eine Mitschuld trägt, stellt sich die Frage ob ein Helm da geholfen hätte. Betrunken war sie ja nicht. Zum anderen war es Zweifellos die Nachlässigkeit der Autofahrerin.
Warum ausgerechnet Fahrradfahrer auf jegliche Eventualitäten Rücksicht nehmen müssen, ist mir ein Rätsel. Als schwächere Gruppe im Straßenverkehr kann es doch nicht sein das man eine Teilschuld zugesprochen bekommt.
Im anderen Fall läuft es aber so, sollte ein Fußgänger von einem Berserker auf dem Fahrrad erwischt werden (so würde dieser dann wieder betitelt werden), liegt die Schuld erneut nur beim Fahrradfahrer. Hätte hier der Passant nicht mit sowas rechnen müssen? Ein anderes Beispiel: Einem Fußgänger der die Straße bei grün überquert, wird auch keine Mitschuld angehaftet wenn er von einem Auto erwischt wurde und nicht ausgewichen ist, obwohl es die eindeutige Schuld des Autofahrers ist.
Das Argument man muss im Straßenverkehr mit Risiken rechnen, ist also nicht ganz schlüssig, vor allem aber nicht Fair aufgeteilt.
Was ein weiteres großes Problem in Köln aber auch in anderen deutschen Großstädten darstellt, sind neben den Katastrophalen Radwegen, auch gerade morgens, unachtsame Verkehrsteilnehmer. Seien es andere Radfahrer, Fußgänger oder Autofahrer.
Man muss kein, wie in den Medien oft betitelt „Fahrradrambo“ sein, um mit den Parteien schnell in gefährliche Situationen zu geraten.
Selbst ein defensives, Vorausschauendes fahren, kann häufig nicht genügend gegen Verkehrsteilnehmer schützen die einfach auf den Radweg draufgehen, herauffahren oder einfach mit ihrem Fahrrad unmittelbar, ohne nach hinten zu schauen stehen bleiben.
Teilweise erlebt man sehr skurrile Momente in denen gerade Fußgänger, auf dem Fahrradstreifen flanieren und einen nicht nur böse angucken, sondern sogar Beleidigungen hinterherrufen, da man zu nah und zu schnell an ihnen vorbeigefahren sei.
Dabei wird allerdings vergessen, dass auch kein geistig normaler Mensch auf der Autobahn zu Fuß geht und es dort überhaupt nicht nachvollziehen kann, das da Autos mit einem Mordstempo an einem vorbeirauschen. Sollte es doch dazu kommen das Fußgänger sich auf die Autobahn verirren und dort lang gehen, kommt meist die Warnung im Radio: "Achtung! Fußgänger auf der A2, Hannover Richtung Braunschweig zwischen Kreuz Hannover-Buchholz und Kreuz Hannover-Ost." Kurz danach sind schon unsere Freunde und Helfer, mittlerweile im Blauen Kostüm unterwegs, herbeigeeilt und nehmen denjenigen in gewahrsam.
Kommen wir nun zu den eben erwähnten Straßenbedingungen. Es reicht nicht, dass die Radwege so dünn sind, dass man einen langsam fahrenden nur mit erheblichen Schwierigkeiten überholen kann und dabei noch beide in Gefahr bringt. Nein! Daneben muss man auf wie oben erwähnte unachtsame Verkehrsteilnehmer, Schlaglöchern und je nach Witterung, rutschigem Laub oder gar Schnee achten.
Die ansteigende Häufigkeit an Fahrradunfällen rührt aber nicht nur durch schlechte Infrastruktur und fehlender Aufmerksamkeit, es ist die schlichte Zunahme an Fahrradfahren im Generellen.
Das die wahrscheinlichkeit an Unfällen dadurch zunimmt, wird äußerst Selten als Grund benannt. Dazu kommt, das viele Autofahrer, diesen Umstand noch nicht Realisiert haben und somit recht unachtsam Fahrradwege kreuzen.
Das es anders und besser geht, zeigen Fahrradpionierstädte wie: Kopenhagen, Amsterdam und Los Angeles.
In Amsterdam wo nur ein Bruchteil der Radler einen Helm trägt, kommt es durch die verbesserte Infrastruktur zu weit weniger schweren Verkehrsunfällen. Ampelschaltungen wenn vorhanden werden auf die Bedürfnisse von Fußgängern und Radfahrern zugeschnitten.
Die Radwege und Bürgersteige werden in Kopenhagen zuerst vom Schnee geräumt.
Bei uns werden diese falls es überhaupt dazu kommt, zuletzt geräumt.
Um die morgigen Pendler die im Schnitt aus 10 Km entfernung in die Stadt kommen, wurden in Kopenhagen sogar sogenannte "Fahrradhighways" gebaut. Diese sind wie Autobahnen nur halt für Fahrräder. Soll heißen weder Autos noch Fußgänger können diese Wege einfach betreten.
Dem gegenüber stellen sich Straßen auf denen jeder gleichberechtigt ist, wie es sie oft in den Niederlanden gibt, die führen dazu, dass alle aufeinander mehr Acht geben und es gar nicht erst zu Rüpelhaftem Verhalten kommen kann. Unfälle werden durch die ständige Aufmerksamkeit aller Verkehrsteilnehmer ebenfalls drastisch gesenkt. Allerdings ist das den deutschen Städten und Kommunen zu Kostenintensiv. Lieber hätte man es wenn der Bürger sich selbst ein Stück weit Sicherheit kauft auch wenn diese in vielen Fällen nur unzureichenden Schutz bietet. Ein Helm schützt halt nicht vor Rumpfschäden, die ebenfalls Lebensgefährlich sein können. Darüber hinaus bietet ein guter Helm auch bis maximal Tempo 30 einen gewissen Schutz. Bei allem darüber zersplittert er wie Glas und bietet dementsprechend keine Sicherheit mehr. (Um Missverständnissen vorzubeugen, Tempo 30 muss nicht vom Radfahrer erreicht werden. Es genügt sollte er von einem Auto das mit 50 km/h unterwegs ist, touchiert werden.)
Die geforderte Herabsenkung der Alkoholpromillegrenze für Fahrräder, halte ich für ziemlich unsinnig. Wie es in letzter Zeit zu vermehrten Unfällen unter Alkoholeinfluss kommen kann ist schon merkwürdig. Es wird so getan als sei es eine total neue Idee sich betrunken aufs Rad zu schwingen und nach Hause zu fahren.
Nach einem Test bei Stern TV, der die Risiken des Radfahrens unter Alkoholeinfluss beweisen sollte, kam ein deutliches und für den Moderator Stefan Hallaschka, überraschendes Ergebnis heraus. Derjenige mit dem höchsten Alkoholgehalt, war auch der beste in dem im Studio aufgebauten Parkour. Der Zweitplatzierte hatte den zweithöchsten Alkoholwert. Schon seltsam also, das sie diese Leistung vollbracht haben obwohl sie ja eigentlich Verkehrsuntauglich waren. 1.65 Promille und 1.44 Promille. Zu Beginn der Sendung mussten alle den Parkour nüchtern absolvieren. Ich glaube man muss nicht erwähnen wer dort am besten abschnitt. Richtig, es waren auch die beiden die im alkoholisierten Zustand die Strecke mit Bravur meisterten.
Im Europäischen Vergleich mag Deutschland zwar eine hohe Promillegrenze haben. Jedoch wird in den Skandinavischen Ländern, sowie England und Irland von einer generellen Promillegrenze abgesehen. Dort gilt wer wirklich Verkehrsuntauglich ist und mit seinem Fahrstil auffällt, der muss auch eine Strafe bezahlen.
Die Quintessenz besteht also darin, nicht den Radfahrern jegliche Schuld zuzusprechen, sondern vernünftige Wege finden um Unfälle und vor allem verletzte oder gar tote zu vermeiden. Dies kann allerdings nicht dadurch geschehen das sich die schwächeren Verkehrsteilnehmer gegen die stärkeren schützen müssen und sollte das nicht geschehen ihnen auch noch eine Teilschuld zu lasten gelegt wird.
tagliatelle al funghi am 20. Juni 13
|
Permalink
|
3 Kommentare
|
kommentieren
Schöner Beitrag. Wann immer es das Wetter zulässt (was eigentlich meistens der Fall ist), bin ich mit dem Rad unterwegs, und als ich aus meiner Studienstadt in die jetzige, mittelgroße Stadt zog, war schon die schiere Existenz von Radwegen mit eigenen Ampeln für mich eine wahre Offenbarung, weil das im Vergleich zu vorher ein echter Fortschritt war.
Dennoch teile ich Ihre Beobachtungen, was die Rücksichtslosigkeit vieler Verkehrsteilnehmer gegen Radfahrer betrifft. Leute, die ohne zu gucken einfach auf Radwege treten und sich anschließend laut schimpfend beschweren, dass man sie fast umfährt, Autofahrer, die aus Ausfahrten und Seitenstraßen herausschießen und die es dabei einen feuchten Kehrricht interessiert, dass man als Radfahrer (und somit als vollwertiger Verkehrsteilnehmer) Vorfahrt hat, Seitenabbieger, die den Vorrang geradeausfahrender Radfahrer ignorieren - alle diese Erlebnisse teile ich und kann sie vollauf bestätigen. Als Radfahrer braucht man vor allem eine gut greifende Bremse, denn egal, ob das Recht auf meiner Seite ist, meine Knochen sind auf jeden Fall weicher als die Motorhaube des anderen. Erschreckend lebensgefährlich wurde es einmal für mich, als ich nur knapp einem Gelenkbus entging, der den Radweg kreuzte, obwohl die Ampel für mich grün zeigte. Wäre ich nicht mitsamt meinem Rad zur Seite gesprungen, hätte der mich überfahren. Das sind alles leider keine Ausnahmefälle, sondern bei beinahe jeder Radfahrt passiert etwas in der Richtung. Man kann froh sein, wenn man mal nichts dergleichen erlebt.
Die (insbesondere oft vom ADAC) so viel zitierten "Fahrradrowdys" sind ein Verallgemeinerungsphänomen einiger Extremfälle. Klar, es gibt auch unter den Radfahrern Leute, die sich kräftig daneben benehmen. Schon allein die Zahl der Jugendlichen, die mir regelmäßig mit dem Rad auf der verkehrten Seite entgegenkommen und dann auch noch erwarten, dass man ihnen ausweicht, sind sicher nicht wegzudiskutieren. Trotzdem halte ich "den Fahrradrowdy" für ein subjektives Feindbild und eine Entschuldigung für Autofahrer, nicht selbst aufpassen zu müssen.
Dass da jetzt Helmpflicht und Promillegrenze gefordert werden, ist doch nur Makulatur. Wie Sie richtig schreiben, sind Radfahrer schwächere Verkehrsteilnehmer als die motorisierten Kollegen und sollten daher mehr Raum erhalten. Was für Radfahrer im Eigeninteresse überlebenswichtig ist, nämlich vorausschauend zu fahren, währenddessen Augenkontakt und Aufmerksamkeit der Autofahrer zu suchen und bereit zu sein, jederzeit zu bremsen oder auszuweichen, scheint für die Autofahrer eher als freiwillige Leistung zu gelten. Klar, denen geht im Zweifel auch nur das Blech kaputt.
Deutschland ist Autoland, das sehe ich leider so. Bevor man die "freie Fahrt für freie Bürger" einzuschränken bereit ist, muss eine Menge passieren. Das verursacht dann auch noch Kosten - also wird die Verantwortung schnell anderen zugeschoben und Verbesserungen in der Verkehrsführung und auch im Recht werden vertagt.
Passen Sie unterwegs gut auf sich auf. Ich tu's auch.
Danke sehr. Ebenfalls ein guter Beitrag zu dem Thema findet sich hier:
http://blog.zeit.de/fahrrad/2013/06/20/helm-ja-bitte-aber-nicht-immer/
Was ich noch anfügen möchte ist, dass man einen Helm wenn man ihm beim Sport, sei es Mountainbiken in jeglicher Form oder auch Rennradfahren unbedingt tragen sollte, da dort die Risiken mit dem Helm gegen einen Baum oder ähnliches zu knallen exorbitant höher sind. Wenn ich aber im normalen Straßenverkehr, mich nicht mit halsbrecherischen 50 km/h und mehr bewege reichen Reflexe im grunde genommen vollkommen aus um den Kopf daran zu hindern ungebremst auf den Boden aufzuschlagen.
Sehr interessant, auch die Kommentare dazu. Es scheint ja generell eine Glaubensfrage zu sein, für wie nützlich man einen Helm auf dem Kopf des Radfahrers hält. Ich persönlich konnte mich dazu niemals durchringen, weil ich den Kopf einfach lieber frei habe auf dem Rad. Zugegeben, mein Fahrrad ist für mich aber auch eher ein Verkehrsmittel als ein Sportgerät.
Bemerkenswert finde ich, dass die Richter in Schleswig-Holstein die Feststellung gemacht haben, dass der motorisierte Verkehr eine große Gefährdung für Radfahrer darstellt, aber daraus den in meinen Augen falschen Schluss ziehen, es sei dann eben die Pflicht des Radfahrers, sich dagegen zu schützen. Elegant abgewälzt, und darüber hinaus noch reichlich absurd.
Neulich morgens auf dem Weg zur Arbeit wurde ich Zeugin eines Unfalls, bei dem ein abbiegender Autofahrer einen Radfahrer übersah, der ganz ordnungsgemäß auf dem Radweg fuhr und Vorfahrt hatte. Das Ende vom Lied waren eine zersplitterte Fensterscheibe und ein reichlich geschockter, leicht verletzter Radfahrer. Aber immerhin: Der Autofahrer ließ nicht den geringsten Zweifel daran erkennen, dass der Unfall sein Fehler war und er besser hätte aufpassen müssen.
Manchmal reichen Reflexe nicht aus, wie man an dem Beispiel sehen kann. Aber die Folgerung kann doch nicht sein, den Radfahrern wegen fehlenden Helmes daraus einen Strick zu drehen. Viel besser wäre es, zukünftig zumindest bei Fahrschul-Lehrgängen ein extra Kapitel zum Thema Radfahrer einzulegen und die motorisierten Zeitgenossen für Schulterblicke und Vorfahrtssituationen in dieser Hinsicht noch mal nachdrücklich zu sensibilisieren. Davon aber mal abgesehen teile ich Ihre Meinung, dass die Verkehrsinfrastruktur für Radfahrer in Deutschland einfach zum Heulen ist. Spätestens, wenn man auf einer Radspur zwischen zwei dicken LKWs gestanden hat, weiß man, wie beklemmend das sein kann und wie ungeschützt man selber dabei ist.